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INTERVIEWS

 

Reportage: Die fabelhafte Welt der Twitch-DJs - DJ LAB (dj-lab.de)

 

 

FEATURES 28. MÄRZ 2021

 

Auf der Streamingplattform Twitch kapern DJs eine Szene innerhalb der elektronischen Musik, die nicht bei #UnitedWeStream, im Boiler Room oder zum Cercle-Moment auf Gletschern auflegt, die keinen Weichzeichner über ihre durchgestylten Lockdown-Streamings legt, und die vor allem keinen Techno zockt. Zumindest nicht solchen, für den manche Menschen bis vor einem Jahr noch drei Stunden vor dem Berghain anstanden.

Gemeint ist eine Szene, die eigentlich keine ist und doch wie eine wirkt. Eine Szene, die sich gegen monochromes Existentialistenschwarz entscheidet und lieber den Partykeller ins Wohnzimmer verlagert. Nicht, um auf der ollen Plattensammlung von Papa rumzuscratchen, sondern um eine Lasershow abzufeuern, die der Mainstage am Tomorrowland locker Konkurrenz macht.

Wer sich auf der Streamingseite in die Kategorie "Musik" verirrt, stößt nicht nur auf automatisierte Radio-Streams, die 24/7 auf ärgsten Dubstep-Bumms rumeiern, sondern auch auf DJs. Jede. Menge. DJs. Vor allem Männer im besten Alter zwischen Boulder-Bart und Porsche-Popsch browsen durch ihre Rekordbox. Manche schunkeln im Privatstadl zu deutschem Schlager, andere paddeln vor fünf Bildschirmen zur virtuellen Boots-Party auf Ibiza. Livestreams wie "HardSteil", "Tech-House-Mega-Party" oder "Ballern" bieten - ja, genau! - Wo-sind-die-Hände-Uuaarrgh-Zisch-Bumm-Peng-Geballer für die Hyper-Hyper-Fraktion.

 

Das Wohnzimmer wird in diesen Streams zur Schaltzentrale, dekoriert als Kommerzdisse, in der man die prägenden Stunden seiner Jugend versoffen hat. Man hat den Geruch von ausgekotztem Cola-Rotz in der Nase. Laser schießen durch den Raum, Neonlichter glühen. Und der DJ vapt wie eine Lokomotive zur Zwischenkriegszeit, während in der Kommandozentrale alles zusammenläuft. In einer Booth, die aussieht, als wäre man versehentlich im Cockpit einer Boeing 747 gelandet, glitzern DJ-Controller wie Millennials auf E. Allein die grafische Aufmachung der Streaming-Overlays zerschießt jede Gameshow auf Pro7. Man klickt von einem Epilepsie-Wahnsinn in den nächsten, switcht von Aloha-Feelings mit Kaminfeuer-Vibes zur Mucke von Roland Kaiser zu Twitch-Gamern, die von drei bis sieben "richtig geeeeeilen" Schranz für die Community rausbügeln.

Das ist die Welt der Twitch-DJs. Eine Welt, in der es flackert und knallt, als hätte man die TikTok-Suchtis auf Ritalin-Entzug gesetzt. Dabei herrscht auf den ersten Blick eher Boomer-Alarm. Endvierziger mit lichtem Haaransatz, die "seit 35 Jahren den geilsten Mega-Mix" auf die "Party-Meute" loslassen, tauschen Modelleisenbahn gegen Trance-Compilation. Seitdem die "Hot-House-Night" beim Dorfwirt der Pandemie zum Opfer fiel, eiert man auf Twitch rum und lallt nach dem fünften Achterl ins Mikro: "Alles Gute Corinna! Schön, dass du wieder mal reingeschaut hast!"

Twitch ist ein Multiversum

Allerdings kugelt auf der Streamingplattform nicht nur die Altherrenmannschaft des Schellack-Platten-Vereins herum. Die DJ-Welt auf Twitch spaltet sich auf in ein Multiversum verschiedener Musikströmungen und unterschiedlicher LED-Kegel. Wer ins Berghain pilgert, bekommt das Bekannte. Wer auf Twitch beim Auflegen zusieht, erwartet das Unerwartete. Moving-Heads im Highspeed-Modus. Green-Screen-Tapeten, auf denen alles zwischen Anime, gerippten Stockphotos und Zoom-Backgrounds flimmert. Und eine Menge Gaming-Referenzen, die an der Aufmerksamkeitsspanne nagen wie Instastories bei der Arbeit.

 

Das Kapital auf Twitch ist Aufmerksamkeit. Natürlich. Wer auf der Titelseite landet, hat den Algorithmus verstanden. Es gilt aufzufallen, sich abzuheben, alles zu tun, außer andere nachzumachen. Das führt zu einem Wettbewerb aller gegen alle. Und es werden immer mehr. Die Pandemie hat zu einem Boom auf Twitch geführt. Allein im Januar 2021 haben Menschen weltweit über zwei Milliarden Stunden dabei zugesehen, wie andere zocken, labern oder mit dem Trecker das Feld umpflügen. Wer Twitch sagt, denkt Streaming. Sogar Oma Beimer hat schon davon gehört. Soll heißen: Das Ding ist im Mainstream angekommen, und viele klicken rein.

Eine, die es wissen muss, heißt Tanilu, kommt aus Frankfurt am Main und ist Teil des "Streamer-Couples" Andulin TV. Während ihr Freund Andu in der Küche den Nachwuchs-Mälzer mimt, lädt sie zum Tunnel-Rave. Knapp 30.000 Leute folgen den beiden - am Herd oder hinter den Decks. "Ich habe angefangen auf Twitch aufzulegen, weil ich aus der Corona-Situation das beste machen wollte", sagt Tanilu zu DJ LAB. Damals, im ersten Lockdown, stand sie gerade mal eine Woche als DJ vor der Kamera. "Ich dachte mir, wenn ich schon übe, kann ich doch andere Menschen daran teilhaben lassen."

Die Liebe zur Musik

Mindestens dreimal pro Woche streamt Tanilu via Twitch. Vor allem am Wochenende, wenn es mit Dark Techno in den Feierabend geht. Auf "Mainstream-Gedöns" lege sie keinen Wert. Von Internet-Fame möchte sie nichts wissen. "Mit Mainstream-Mucke oder Hardstyle könnte ich wahrscheinlich die Masse begeistern, aber das würde mir keinen Spaß machen." Schließlich sei sie als DJ auf Twitch mit dem Herzen bei der Sache. "Und Liebe steckt bekanntlich im Detail", sagt Tanilu und meint damit die feinen Unterschiede, die ihre DJ-Sets von anderen abhebt. Unterschiede, die sie nicht nur auf Twitch, sondern auch in ihren Acrylbildern auslebt.

Ob sich ihre Malerei auf die Streams auswirkt oder die Streams auf ihre Malerei, kann man bei Tanilu nicht so richtig sagen. Dass ein leuchtender Zusammenhang besteht, schon. In jeder Ecke saugen Lichteffekte an der Aufmerksamkeit. Die Kamera zeigt sie aus der Boiler-Room-Position, gewohnt, frontal, von vorne. Im Hintergrund wabert eine Lavalampe, neonviolette Leuchtstoffröhren strahlen, im Kühlschrank glühen Dosen von Monster Energy. "This will be great", haucht sie ins Mikro und dreht den Bass rein. Es ist Sonntagnachmittag. Tanilu legt Progressive House auf.

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Wer Tanilu dabei zusieht, merkt: Ihr Blick wandert häufig neben die Kamera, zum Bildschirm. Sie begrüßt ihre Zuschauer*innen, lächelt: "Schön dich hier zu haben, meine Liebe" oder "Hey, wie gehts, lange nicht gesehen!" Was in jedem Club unmöglich wäre, ist hier Programm. Auf Twitch geht es nicht nur um den perfekten Übergang oder die Credibility als DJ, sondern um die Community. Wer streamt, kennt sein Publikum. Und das Publikum kennt die Person hinter den Decks. Man bespricht Kommentare, beantwortet Fragen, quatscht - manchmal einfach so, während des Breaks, im Loop.

"Die Kunst bei meinen DJ-Streams liegt darin, nicht zu viel und nicht zu wenig zu reden", sagt Tanilu. Schließlich gehe es um die Musik. Aber nicht nur. Natürlich freue es sie, dass sie - trotz Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren - mit Menschen über ihre DJ-Sets in Interaktion treten kann. "Ich habe im Laufe der Zeit eine Bindung zu meiner Community aufgebaut und liebe das" sagt sie, denn: "Wir Menschen sind halt soziale Wesen."

Geld verdienen Tanilu und ihr Freund mit Streams übrigens auch. Wie viel, das will sie für sich behalten. Leben können sie davon aber nicht. "Noch nicht", betont die Twitch-DJ und meint: "Wir schauen, wie sich das entwickelt." In der Bauchbinde des Streams läuft der Spendenfortschritt mit. 90 Euro des neuen DJ-Systems XDJ-XZ von Pioneer DJ sind an einem späten Sonntagnachmittag erreicht. Auf der Amazon-Wishlist findet man neben Makramee-Seilen und einem Flat-Eric-Kuscheltier auch den Link zu einer Palette Energy-Drinks. Um Kohle allein gehe es ihr aber nicht, eher darum, die "Liebe zur Musik" und das "Feeling" mit "der Welt" zu teilen, so die Streamerin.